Ideen, die etwas verändern
Ich glaube nicht an Wunder, aber ich verpasse sie ungern
Warum Zufall kein Plan ist, aber eine Haltung braucht, die ihn wahrscheinlicher macht.
Meine Mutter gewinnt immer bei Preisausschreiben - immer! Sie hat irgendwann sogar mal angefangen, sich eine Liste zu machen, was sie in ihrem Leben alles schon gewonnen hat. Aufenthalte in Luxushotels, Autos, Bücher, Fresskörbe und sogar mal eine Kreuzfahrt. Ihr Glück geht mittlerweile soweit, dass sie bevor sie irgendwo mitmacht, erstmal im Kalender checkt, ob sie zum Datum der Reise überhaupt Zeit hat - nur falls sie wieder gewinnt. Alles Zufall? Ich glaube nicht ganz.
“Wer nicht in die erste Reihe fährt, kann auch nicht vorne parken.”
Die erste banale, aber auch schmerzliche Wahrheit, warum manche Menschen mehr “Glück” haben als andere: sie fordern ihr Glück heraus. Im Klartext: sie werden aktiv. Im Fall meiner Mutter: sie macht beim Gewinnspiel überhaupt erstmal mit. Oder wie sie mir früher auf dem Parkplatz des Supermarkts erklärt hat: “Wer vorne parken will, muss nach vorne fahren.” So einfach, so schwer. Die Forschung zeigt, dass es einen Intention-Behavior-Gap gibt: Etwas wollen und etwas tun sind zwei verschiedene Dinge.1 Du wolltest schon immer ein Buch schreiben, fängst aber nicht an? Du möchtest neue Leute kennenlernen, bleibst aber am liebsten auf der Couch? Du siehst dich als Führungskraft, bewirbst dich aber nie für die Stelle? Wir könnten die Liste endlos fortsetzen. Wir alle haben, Ideen, Wünsche, Intentionen, die wir nie in die Tat umsetzen.
Der erste Schritt zum Wunder ist oft erschreckend unromantisch: einfach mal anfangen.
Die Guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen
Die Liste meiner Mutter zeigt nur ihre Gewinne. Sie listet nicht auf, wie oft, sie nicht gewonnen oder gar nicht erst teilgenommen hat. Das ist verständlich: wer möchte schon eine Liste der Misserfolge führen? Doch dieses selektive Wahrnehmung hindert uns oft an einer objektiven Bewertung der Situation. Wer sehen einfach, was wir sehen wollen und wundern uns vielleicht, dass wir “nie Glück haben”.
Mini-Exkurs: Unser Gehirn ist ein faszinierendes Gebilde: es verarbeitet innerhalb von Sekunden Millionen von Informationen, sortiert diese und gibt Impulse, wie der Körper zu reagieren hat. Das passiert alles, ohne dass wir etwas davon mitbekommen. Um möglichst effizient arbeiten zu können, schaltet das Gehirn, wann immer möglich, in den Energiesparmodus. Das heißt, es nimmt eingehende Informationen auf, bewertet diese, schaut, ob es in der Vergangenheit schon mal ähnliche Muster gab und leitet dann blitzschnell Handlungen ab. Das funktioniert gut, führt aber auch manchmal dazu, dass die Schublade, in die die Informationen einsortiert werden, gar nicht die richtige war. Dann spricht man von “kognitiven Verzerrungen”: unsere Wahrnehmung und die Schlüsse, die wir unterbewusst daraus ziehen, stimmen nicht mit der Wahrheit überein.
Eine spannende kognitive Verzerrung, die wir alle immer mal wieder haben, ist der Rückschau-Fehler. Im Nachhinein war eh alles klar. Wie oft habe ich schon von Freunden gehört: “War ja klar, dass deine Mutter mal wieder gewinnt.” Eigentlich nicht. Zum Zeitpunkt der Einsendung war das überhaupt nicht klar. Ihre Chancen waren genauso hoch, wie die von allen anderen. Der Hindsight Bias (Rückschau-Fehler) macht aus einem offenen Ausgang im Nachhinein eine scheinbar logische Entwicklung. Das gilt übrigens nicht nur für Preisausschreiben, sondern auch für den Jobwechsel, den gewonnenen (oder verlorenen) Pitch beim Kunden oder die Tatsache, dass wir zehn Kilo abgenommen haben. Zum Startpunkt konnten wir nicht wissen, wie es ausgeht. Aber in Nachhinein haben wir es immer gewusst.
Unser Leben sieht im Rückspiegel oft strategischer aus, als es sich durch die Windschutzscheibe angefühlt hat.
Wunder gibt es immer wieder - wenn wir sie sehen
Und dann gibt es noch den guten alten Zufall. Will keiner hören, weil wir ja alle strategisch und rational denkende Wesen sind. Zumindest würden wir dieses Bild von uns gerne aufrecht erhalten. Wie viele Begegnungen, die zum nächsten Karriereschritt, der großen Liebe oder einem Auto-Gewinn geführt haben, waren einfach nur zufällig? Wie oft waren wir einfach nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Ehrlich gesagt, wissen wir es meistens nicht. Mir würde es schwer fallen, eine Liste der positiven Zufälle in meinem Leben zu führen. Und auch dafür gibt es eine gute Erklärung: Post-Rationalisierung. Wir versuchen, alles, was irgendwann mal passiert ist, rational zu erklären. Wir rechtfertigen unsere Fehlentscheidungen mit scheinbar rationalen Begründungen. Wir wollen aber auch nicht so wirklich sehen, wie viel Glück wir im Leben schon hatten und suchen auch hier nach “logischen” Erklärungen. Katja Ebstein sang 1970:
Wunder gibt es immer wieder
Wenn sie dir begegnen
Musst du sie auch sehen
Wenn wir unser Leben zu sauber erklären, verlieren wir den Blick für das Wunderliche. Wir sehen nur noch Strategie, wo auch Zufall war. Wir sehen nur noch Leistung, wo auch Timing war. Wir sehen nur noch Planung, wo eigentlich Offenheit geholfen hat. Wir sehen deshalb keine Wunder mehr, weil wir sie alle erklären wollen.
Vielleicht verpassen wir Wunder nicht, weil sie selten sind. Vielleicht verpassen wir sie, weil wir sie im Nachhinein in „war doch logisch“ umbenennen.
Wunder sind kein Zufall
Und jetzt kommt der schönste Teil: wir alle haben unser Glück mehr in der Hand als wir glauben. Christian Busch schildert in seinem Buch Erfolgsfaktor Zufall sehr schön, dass wir Bedingungen schaffen können, um positive Zufälle zu begünstigen. Im Englischen spricht man von Serendipity: die Fähigkeit, unerwartete Ereignisse wahrzunehmen, sinnvoll zu verbinden und daraus etwas zu machen. Wer im Leben einem Nordstern folgt, sich aber den Weg dorthin offen hält, wird sicherlich immer wieder auf Menschen und Unternehmen treffen, die beim Erreichen dieses Ziel helfen können. Wer nur mit Scheuklappen einen linearen Weg abläuft, kommt zwar ans Ziel, verpasst aber die vielen kleinen Chancen am Wegesrand. Wenn ich meine Stärken, Interessen und Werte kenne, kann ich zwar den Zufall nicht beeinflussen, aber ich kann das Spielfeld verändern. 2
Zurück zu meiner Mutter: Sie klickt nicht stumpf überall mit. Einfache Gewinnspiele, bei denen man nur seinen Namen einschicken muss oder eine Email-Adresse angibt, interessieren sie nicht. Das kann jeder - warum sollte sie da gewinnen? Sie sucht sich Aufgaben, bei denen andere aussteigen. Komplizierte Kreuzworträtsel. Kreative Aufgaben. Einsendungen, bei denen man nachdenken oder etwas machen muss. Genau dadurch verändert sie die Wahrscheinlichkeit.
Vielleicht können wir den Zufall nicht kontrollieren, aber wir können die Wahrscheinlichkeiten verschieben.
Wunder sind mit den Wachen
Richard Wiseman untersucht in seinen Forschungen Menschen, die sich selbst als “Glückpilze” oder “Pechvögel” bezeichnen und kommt immer wieder zu dem Schluss, dass sich Chancen maximieren lassen, wenn man offen, entspannt und positiv erwartungsvoll durchs Leben geht. Glückliche Menschen scheinen zufällige Gelegenheiten eher wahrzunehmen und auch aufzugreifen. Sei es ein Geldschein, den man auf der Straße findet, einen Artikel, den man an der Zeitung liest oder die nachträgliche Bewertung von schlimmen Situationen. Der Versuchsaufbau war für alle Teilnehmenden gleich - aber nur die “Glückpilze” nahmen die positiven Signale auch wahr. 3
Man kann also sagen “Das Glück ist mit den Tüchtigen” - aber noch besser wäre “Die Wunder sind mit den Wachen.”
Das ist jetzt nicht nur im Privaten spannend, sondern auch im Unternehmenskontext extrem relevant. Organisationen, die nur auf Planabweichungen, Risiken und Effizienz schauen, übersehen vielleicht Chancen am Rand. Teams, die neugierig bleiben, entdecken eher neue Kundenbedürfnisse, kulturelle Signale, Community-Dynamiken, Produktideen.
Vielleicht glaube ich nicht an Wunder im klassischen Sinn. Aber ich glaube daran, dass wache Menschen mehr von ihnen sehen.
Und nochmal: Wunder sind für mich keine übernatürlichen Ereignisse. Es sind Momente, in denen etwas Unerwartetes sichtbar wird. Und wie schön ist es, zu wissen, dass wir alle unser Leben ein bißchen wunderlicher gestalten können?
Ein paar kleine Impulse, um mehr Wunder zu erleben:
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Einfach mal machen: nicht lange überlegen, sondern einfach mal starten
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Nicht nur bequeme “Gewinnspiele” anklicken, sondern Aufgaben suchen, bei denen man sich zeigen kann
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Gespräche führen, ohne sofort zu wissen, wofür sie gut sind
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Glückstagebuch führen: kleine Zufälle notieren, bevor man sie im Nachhinein wegrationalisiert
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Bei einer ungewöhnlichen Idee nicht sofort fragen: „Was bringt das?“, sondern erst: „Was könnte daran interessant sein?“
1 Faries MD. Why We Don’t “Just Do It”: Understanding the Intention-Behavior Gap in Lifestyle Medicine. Am J Lifestyle Med. 2016 Jun 22;10(5):322-329. doi: 10.1177/1559827616638017. PMID: 30202289; PMCID: PMC6125069.
Eine frühere Fassung dieses Textes erschien im Newsletter „Zwischen Wirtschaft & Wunder“ .