(Kunden-)Beziehungen, die bleiben
Wenn alle vernetzt sind, warum fühlen sich dann so viele allein?
Ein Text über die Illusion von Gemeinschaft, das Verschwinden alter Begegnungsorte und neue Räume für Zugehörigkeit.
Einsamkeit - die stille Epidemie unserer Zeit
Es gibt kaum ein Thema, das mich in letzter Zeit so sehr beschäftigt hat, wie das der Einsamkeit. Wenn man das Glück hat, einen stabilen Familien-, Freundes- und Kollegenkreis zu haben, kann man sich nur schwer vorstellen, dass es nicht jedem Menschen so geht.
Zugehörigkeit erkennt man meist erst dann, wenn sie fehlt.
Besonders betroffen von Einsamkeit sind heute die Jüngeren: Eine aktuelle Studie aus den USA zeigt, dass sich fast 80 Prozent der 18- bis 24-Jährigen regelmäßig einsam fühlen – ein historischer Höchststand.[1] Und in Deutschland bestätigt sich dieser Trend: Junge Menschen sind einsamer als je zuvor. So gaben 67 % der Befragten an, sich einsam zu fühlen. Das ist ein alarmierender Wert, der den Trend zur sozialen Entkopplung belegt. Denn die Menschen, die hier angeben, einsam zu sein, sind jeden Tag unter Menschen. Einsam sein heißt nicht allein sein. Man kann sich auch unter Menschen unfassbar einsam fühlen. Gerade in der sogenannten „vernetzten Generation“ zeigt sich: Vernetzung ist nicht dasselbe wie Verbundenheit. Die digitalen Tools, die Gemeinschaft suggerieren, ersetzen keine echte Nähe.[2]
Und Einsamkeit tut weh - im wahrsten Sinne des Wortes. Tiefe Einsamkeit scheint genauso viel Stress zu verursachen wie ein Schlag von einem Fremden, schreibt Johann Hari in seinem bemerkenswerten Buch Lost Connections.[3] Einsamkeit schwächt unser Immunsystem, fördert Depressionen und Angststörungen und steigert sogar das Sterblichkeitsrisiko, wie Hari anhand zahlreicher Studien ausführt. Somit ist Einsamkeit nicht nur persönlich unerträglich, sondern auch gesellschaftlich zunehmend ein Risiko. Das Zukunftsinstitut spricht vom “Monster der Moderne”.
Die Illusion von Gemeinschaft
Wo traditionelle Gemeinschaften verschwinden, suchen Menschen neue Ersatzangebote, oft in digitalen Räumen wie Social Media. Facebook, Instagram oder TikTok versprechen Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Tatsächlich fühlen sich Menschen auf diesen Plattformen jedoch zunehmend allein. Studien zeigen, dass intensive Social-Media-Nutzung mit erhöhter Einsamkeit, depressiven Symptomen und geringem Selbstwertgefühl einhergeht.[4] Diese Plattformen bieten nur eine flüchtige Illusion von Verbundenheit – schnelle Bestätigung durch Likes und Kommentare, aber keine echte Tiefe oder langfristige emotionale Bindung. Immer mehr Menschen erkennen, dass Social Media die versprochenen Bedürfnisse nicht erfüllt, sondern nur eine oberflächliche Ablenkung bietet. Laut Sherry Turkle, Professorin am MIT, ist die digitale Welt eine „Illusion von Gemeinschaft“, die uns letztlich einsamer macht, weil sie echte Gespräche und reale Begegnungen ersetzt.[5]
Vernetzt doch noch oder verbindest du schon?
Nicht jede Form von Kontakt ist Verbindung. Und nicht jeder digitale Raum, in dem Menschen aufeinandertreffen, ist schon eine Gemeinschaft.
Wir haben in den letzten Jahren gelernt, uns mit immer mehr Menschen zu vernetzen. Wir folgen, liken, kommentieren, teilen, speichern und reagieren. Dabei sehen wir vor allem Ausschnitte aus fremden Leben. Wir wissen, wer gerade im Urlaub ist, wer ein neues Projekt startet und wer zum Frühstück erstaunlich fotogene Haferflocken isst. Aber aus all diesen kleinen Berührungspunkten entsteht nicht automatisch Zugehörigkeit.
Zugehörigkeit braucht mehr als Sichtbarkeit. Sie braucht Wiederholung, Vertrauen und die Erfahrung, dass die eigene Anwesenheit einen Unterschied macht. Sie entsteht dort, wo Menschen nicht nur konsumieren, sondern beitragen können. Wo sie nicht nur Teil einer Zielgruppe sind, sondern Teil eines sozialen Zusammenhangs.
Neudeutsch sagt man dazu “Communities”.
Eine Community ist nicht einfach eine Gruppe von Menschen mit ähnlichen Interessen. In einer Community werde ich gesehen und gehört. Ich antworte auf Beiträge und präge die Community mit. Eine Community entsteht nicht durch Reichweite, sondern durch Beziehung.
Das macht Communities in einer Zeit wachsender Einsamkeit so interessant. Nicht, weil sie Einsamkeit einfach wegorganisieren könnten. Das wäre jetzt ein bißchen zu simpel. Einsamkeit ist komplex, individuell, gesellschaftlich und manchmal auch sehr leise. Aber Communities können Räume schaffen, in denen Verbindung wahrscheinlicher wird. Räume, in denen Menschen wiederkehrend aufeinandertreffen, eine gemeinsame Sprache entwickeln, Rituale teilen, sich gegenseitig unterstützen und erleben: Ich bin hier nicht nur Zuschauerin. Ich gehöre dazu.
Vom First Place zum Fourth Place
Der Soziologe Ray Oldenburg prägte den Begriff der „Third Places“ für jene Orte, die weder Zuhause noch Arbeit sind, aber trotzdem zum sozialen Leben gehören. Das Café an der Ecke. Die Bäckerei, in der man immer dieselben Gesichter sieht. Die Bibliothek, der Marktplatz, der Verein, die Kirche, der Kiosk, die Kneipe, das Freibad oder der Friseursalon. Orte, an denen man nicht zwingend verabredet sein muss, um jemandem zu begegnen. Orte, die keine große Inszenierung brauchen, weil sie einfach Teil des Alltags sind.
Lange waren solche Orte eine Art soziale Grundversorgung. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich als Kind immer Brötchen holen durfte und beim Bäcker immer die gleichen Menschen traf. Auch in der Uni-Bibliothek saßen immer die gleichen Leute rum. Und wenn ich morgens eine Runde durch den Park laufe, sehe ich immer die gleichen Hunde (und ihre Leinenträger). Man trifft die Menschen einfach so. Die Begegnungen sind nicht immer tief, aber wiederkehrend. Und genau diese Wiederkehr ist wichtig. Zugehörigkeit entsteht selten durch ein einziges großes Gespräch. Sie entsteht oft durch kleine Wiederholungen. Durch das Wiedererkennen. Durch ein kurzes Nicken. Durch den Satz: „Wie immer?“ Durch die beiläufige Erfahrung, Teil eines Ortes zu sein.
Doch viele dieser Alltagsorte verlieren an Bedeutung. Zum Amazon-Prime-Boten, der gehetzt die Pakete an der Haustür fallen lässt, entsteht keine Verbindung. Auch nicht zum Lieferando-Fahrer oder dem Chat-Bot in der Banking-App. Ich kaufe selbst viel online, weil es praktisch ist und mein Leben ein wenig einfacher macht. Aber dann darf ich mich auch nicht wundern, wenn mich niemand beim Bäcker grüßt, weil ich Samstags zufällig mal Zeit habe, dort vorbeizuschauen. Online-Shopping, -Streaming & Co. reduzieren auch jene zufälligen Begegnungen, aus denen früher soziale Nähe entstehen konnte.
Das ist eine der stillen Nebenwirkungen moderner Effizienz: Wir haben viele Wege verkürzt und dabei manche Begegnungen gleich mit eingespart.
Genau deshalb reicht es heute nicht mehr, nostalgisch auf alte Third Places zu schauen. Wir werden nicht alle wieder automatisch in denselben Kirchen, Vereinsheimen, Bibliotheken, Cafés oder Bäckereien landen. Manche dieser Orte gibt es nicht mehr. Andere haben ihre soziale Funktion verloren. Und viele Menschen bewegen sich heute durch einen Alltag, in dem Begegnung nicht mehr nebenbei passiert.
Jetzt kommt die nächste Form der Begegnungsstätten ins Spiel: die sogenannten „Fourth Places“. Fourth Places sind keine zufälligen Alltagsorte mehr, sondern bewusst gewählte Räume für Verbindung. Orte und Formate, in denen Menschen aktiv zusammenkommen, weil sie ein Interesse, eine Haltung, eine Frage oder eine Praxis teilen. Running Clubs, Book Clubs, Schreibgruppen, Nachbarschaftsinitiativen, Community-Treffen, Co-Working-Formate, Repair Cafés, digitale Schreib- und Interessengemeinschaften oder digitale Gruppen, die irgendwann echte Begegnungen ermöglichen.
Der Unterschied ist fein, aber wichtig: Third Places waren oft Orte, an denen man sich im Alltag begegnete. Fourth Places sind Räume, die wir heute schaffen oder aufsuchen, weil Begegnung nicht mehr selbstverständlich genug passiert. Nicht falsch verstehen: sie sind damit kein romantischer Ersatz für früher. Sie sind eher eine neue soziale Infrastruktur. Bewusster und kuratierter. Nicht zwingend besser - aber sicher besser als einsam im First Place zu sitzen. Denn wenn Einsamkeit nicht allein dadurch entsteht, dass Menschen zu wenig Kontakte haben, sondern dadurch, dass ihnen tragfähige Zugehörigkeit fehlt, dann brauchen wir Orte, an denen aus Kontakt wieder Beziehung werden kann. Orte, an denen Menschen nicht nur konsumieren, performen oder scrollen, sondern wiederkehrend miteinander in Resonanz gehen.
Wir brauchen also nicht einfach mehr Plattformen. Wir brauchen mehr echte Verbindungsräume.
Kann eine digitale Plattform tatsächlich zu einem Fourth Place werden oder braucht Verbindung irgendwann einen gemeinsamen physischen Raum?
Wer noch ein bißchen tiefer gehen möchte, dem empfehle ich folgende Bücher:
Johann Hari: Lost Connections
Johann Hari zeigt in Lost Connections, dass Einsamkeit, Depression und Entfremdung nicht nur individuelle Probleme sind, sondern oft mit verlorenen Beziehungen zu Menschen, Sinn, Arbeit, Natur und Gemeinschaft zusammenhängen. Das Buch passt deshalb so gut, weil es Einsamkeit nicht als persönliches Defizit beschreibt, sondern als Symptom einer Gesellschaft, in der viele Verbindungen brüchig geworden sind.
Marlen Haushofer: Die Wand
Die Wand ist kein Sachbuch über Einsamkeit, aber vielleicht gerade deshalb so eindringlich. Der Roman erzählt von radikaler Isolation und davon, was bleibt, wenn alle vertrauten sozialen Bezüge verschwinden: Alltag, Natur, Tiere, Erinnerung und die Frage, wer man ist, wenn niemand mehr antwortet. Etwas beklemmend, aber man kann es nicht aus der Hand legen.
Dorothee Ebert: Gemeinsam sind wir MEHRWERT (erscheint im Oktober)
In meinem eigenen Buch geht es genau um die Frage, was nach der bloßen Vernetzung kommt: Wie entstehen echte Communities, warum wird Zugehörigkeit zu einer zentralen Ressource unserer Zeit und weshalb Unternehmen lernen müssen, Menschen nicht nur als Zielgruppen, sondern als Teil lebendiger sozialer Räume zu verstehen. Es ist ein Buch über Community Economy, aber eigentlich auch über eine größere Sehnsucht: wieder verbunden zu sein.
[1] Cigna Loneliness Report (2022).
[2] Bertelsmann Stiftung (2024): GenNow – jung, einsam, engagiert. Ergebnisse der repräsentativen Befragung junger Menschen in Deutschland.
[3] Hari, J. (2021). Lost Connections. HarperCollins.
[4] Twenge, J. M. (2017). iGen. Atria Books.
[5] Turkle, S. (2015). Reclaiming Conversation. Penguin Press.
Eine frühere Fassung dieses Textes erschien im Newsletter „Zwischen Wirtschaft & Wunder“ .