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Neue Spielregeln

Die schönste Aussicht Japans war nie garantiert.

Und genau das macht sie so wertvoll.

Geschichte 5 Min. Lesezeit

Das Wetter ändert seine Pläne nicht, nur weil wir häufiger nachsehen.

Einer der schönsten Urlaube bislang führte uns nach Japan. Wir hatten viel vor: Ich wollte jeden Papierladen Japans sehen und mein Kalligraphie-Wissen ausbauen, mein Sohn interessierte sich mehr für die Pokémon-Stores und mein Mann für Architektur und Natur. Und wir alle wollten gut essen und den Mount Fuji sehen. Schließlich fährt man nicht einmal um die halbe Welt, um Japans berühmtesten Berg zu verpassen.

Das Problem: Der Fuji entscheidet selbst, wann er sich zeigt.

Der Berg erzeugt durch seine Höhe und seine Lage häufig seine eigenen Wolken. Selbst bei blauem Himmel bleibt sein Gipfel oft verborgen. Je nach Standort und Jahreszeit ist er nur an manchen Tagen wirklich klar zu sehen. Besonders im Sommer verschwindet er häufig hinter Wolken. Einige Freunde hatten uns schon ganz traurig berichtet, dass sie bereits zweimal in Japan waren und den Fuji immer nur in Wolken gesehen hatten.

Was sollten wir also tun? Egal, was wir planten, der Berg würde am Ende doch machen, was er wollte. Wir entschieden uns für eine Zwischenlösung: Anstatt einfach nur schnell am Bahnhof auszusteigen und eins der berühmten Fotos zu machen, mieteten wir ein Auto (ein Abenteuer an sich!) und blieben zwei Tage in der Gegend. Das erhöhte theoretisch unsere Chancen, weil wir länger dort waren. Vor allem gab es uns aber die Möglichkeit, die recht unberührte hintere Seite des Berges zu sehen und unser Urlaubsglück nicht von der einen Perspektive abhängig zu machen. Und trotzdem war bis zur Ankunft am Fuji immer diese Anspannung: Würde das Wetter mitspielen?

Daher habe ich ständig die Wetter-App gecheckt. Zum Schluss fast stündlich. Das gleiche Muster kenne ich von mir vor unserer Hochzeit oder der großen Gartenparty. Die Erkenntnis, dass mich das Checken nur nervöser macht und am Ende doch nichts ändert, stellt sich bei mir offenbar immer erst langsam ein.

Das Wetter ändert seine Pläne nicht, nur weil wir häufiger nachsehen.

Wir behandeln das Leben wie eine Excel-Tabelle.

Ein Freund machte mich kürzlich auf das Konzept der „Unverfügbarkeit“ von Hartmut Rosa aufmerksam und ich fühlte mich direkt ertappt. Rosa beschreibt, wie die Moderne versucht, die Welt nach unseren Vorstellungen verfügbar zu machen: planbar, messbar, vorhersagbar und möglichst kontrollierbar.

Aus vielen Lebensbereichen kennen wir das und oft funktioniert es erstaunlich gut. Unternehmen optimieren Lieferketten. Wir nutzen Navigationssysteme, um nicht überraschend im Stau zu landen, und organisieren alle Quittungen, damit die Steuererklärung pünktlich fertig wird. Wir sind ziemlich gut darin geworden, uns die Welt verfügbar zu machen.

Aber dann gibt es Dinge, bei denen das nicht gelingt:

Nicht bei Liebe.

Nicht bei Inspiration.

Nicht bei Freundschaft.

Nicht bei Glück.

Nicht beim Mount Fuji.

Seth Godin würde sagen: Wir können zwar unseren Einsatz beeinflussen, aber nicht das Ergebnis. Ich kann ein gutes Buch schreiben, aber ich kann nicht kontrollieren, ob es bei den Lesenden gut ankommt. Ich kann eine gute Rede vorbereiten, aber nicht mit Sicherheit sagen, ob jemand dadurch sein Leben verändert. Ich kann einen Text veröffentlichen. Egal, wie viel Mühe ich mir gebe, kann ich nicht vorhersagen, ob er gelesen, weiterempfohlen oder vergessen wird. Und ich kann mich noch so sorgfältig um meinen Garten kümmern. Wenn die Sonne nicht scheinen will, blüht trotzdem nur wenig. Wie heißt es so schön:

Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

Resonanz lässt sich nicht bestellen.

Resonanz ist keine Technik, die ich einfach lernen und anschließend zuverlässig anwenden kann. Sie ist keine Methode und kein KPI. Man kann Bedingungen schaffen, unter denen sie wahrscheinlicher wird. Ob sie tatsächlich entsteht, bleibt trotzdem offen. Ein Musiker kann krampfhaft versuchen, einen Song für die Charts zu schreiben. Oder eine Autorin für die Bestsellerlisten. Ich kann alles dafür tun, dass mein Reel auf Social Media viral geht. Aber manchmal verliert ein Werk gerade durch diese Fixierung auf das Ergebnis das, was Menschen ursprünglich daran hätte berühren können. Rick Rubin würde es sinngemäß so formulieren:

Gute Kunst entsteht nicht dadurch, möglichst vielen gefallen zu wollen.

Und mit der Natur verhält es sich ähnlich: Sie bleibt uns in vielem unverfügbar. Vielleicht ist sie auch deshalb so besonders.

Ich kann den Trip ans Nordkap planen. Ich kann die richtige Jahreszeit auswählen, die Uhrzeit optimieren und ein Fernglas einpacken. Aber nur weil ich dafür bezahlt habe, müssen sich die Nordlichter nicht zwingend zeigen. Wenn sie es dann doch tun, fühlt es sich nicht wie die eingelöste Leistung einer Reisebuchung an. Eher wie etwas, das uns für einen Moment geschenkt wurde.

Und genauso war es mit dem Mount Fuji. Wir durften ihn bewundern, zwei volle Tage lang. Aus jeder erdenklichen Perspektive. Der entscheidende Punkt war für mich aber nicht nur, dass wir Glück hatten. Wir hatten vorher beschlossen, dass unser Urlaub nicht davon abhängen würde. Ob wir den Fuji sehen würden oder nicht, sollte nicht über die Qualität der Reise entscheiden. Dadurch war der Berg irgendwann kein Anspruch mehr, den der Urlaub erfüllen musste. Als er sich dann zeigte, war er einfach ein wunderschönes Geschenk.

Und wie schön wäre es, wenn wir uns dieses Konzept der „Unverfügbarkeit“ häufiger zunutze machen würden. Wenn wir einen Text schreiben und uns nicht sofort fragen, ob er erfolgreich wird. Sondern zunächst, ob das die Arbeit war, die wir heute machen wollten. Ob wir den Gedanken wirklich wichtig fanden. Und ob wir ihm die Form gegeben haben, die wir ihm geben konnten.

Vielleicht besteht die eigentliche Kunst nicht darin, die Welt immer besser zu kontrollieren.

Vielleicht geht es eher darum, nicht jedes offene Ergebnis sofort als Problem zu behandeln.

Eine frühere Fassung dieses Textes erschien im Newsletter „Zwischen Wirtschaft & Wunder“ .

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