Glaub nicht alles, was du denkst
Ich dachte, Fokus sei die Lösung, bis ich im Tunnel feststeckte
Ein Plädoyer für Weitwinkelaufmerksamkeit in einer Wirtschaft, die vor lauter Priorisierung manchmal den größeren Zusammenhang verliert.
Ich habe so viele Bücher über Fokus gelesen, dass sie mittlerweile einen ganzen Regalabschnitt füllen. Deep Work. Hyperfocus. Focus. The One Thing. Atomic Habits. Und vermutlich noch ein paar Titel, die ich gekauft habe, weil ich sehr fokussiert daran arbeiten wollte, fokussierter zu werden. Das ist ungefähr so, als würde man sich drei Yogamatten kaufen, um endlich zur Ruhe zu kommen. Wer kennt’s?
Und nur damit hier kein Missverständnis aufkommt: Fokus ist großartig. Ohne Fokus würde ich vermutlich immer noch die erste Zeile dieses Textes optimieren, statt ihn zu schreiben. Fokus hilft mir, Komplexität zu reduzieren. Er hilft Unternehmen, Prioritäten zu setzen. Er hilft Teams, nicht jeden Trend mit derselben nervösen Begeisterung zu verfolgen wie Hunde einen Ball.
Fokus ist in der Wirtschaft sowas wir der Heilige Gral. Wenn in einem Strategiemeeting jemand sagt: „Wir müssen uns stärker fokussieren“, nicken alle. Ich habe noch kein Meeting erlebt, in dem jemand aufsteht und sagt: „Ich wäre heute eher für mehr Verzettelung.“ Das wäre karrieretechnisch vermutlich kein smarter Move.
Aber Fokus hat eine Nebenwirkung: Er macht den Ausschnitt schärfer, aber auch kleiner. Manchmal glauben wir, klarer zu sehen, nur weil wir weniger sehen.
Aufmerksamkeit ist nicht gleich Aufmerksamkeit
Dann gehen wir dem Fokus mal auf dem Grund. Psychologisch ist das Thema nämlich vielfältiger als der normale Alltags- oder auch Business-Sprech vermuten lässt. Der klassische Fokus-Begriff lässt sich wohl am ehesten mit der “Selektiven Aufmerksamkeit” beschreiben. Dies hilft uns, relevante Informationen herauszufiltern und Ablenkung zu unterdrücken.[1] Das ist total hilfreich, weil wir ohne die selektive Aufmerksamkeit wahrscheinlich nichts zu Ende bringen würden. Ständig ein Push-Benachrichtigung, die uns ablenkt oder eine Idee, die uns aus dem Konzept bringt. Blöd wird dieses Art von Aufmerksamkeit oder Fokus eigentlich nur, wenn man die Scheuklappen so eng vor den Augen hat, dass man außer dem dunklen Tunnel nichts mehr sieht. Dann laufen wir Gefahr, etwas zu verpassen.
Längerfristige Aufmerksamkeit erlaubt uns, über Zeit bei einer Sache zu bleiben. Also genau das, was wir brauchen, um ein komplexes Konzept zu durchdringen, eine Strategie nicht nach drei Wochen wieder umzubenennen, einen Film ohne Second Screen zu Ende zu schauen oder einen Text tatsächlich zu Ende zu schreiben.[2]
Geteilte Aufmerksamkeit ist das, was wir im Meeting gern für Multitasking halten. Wir hören zu, schreiben eine Mail, lesen eine Chatnachricht und nicken an der richtigen Stelle. Psychologisch betrachtet passiert dabei meist kein kleines Produktivitätswunder, sondern eine Verteilung begrenzter kognitiver Ressourcen. Das kann gelegentlich funktionieren. Meistens funktioniert vor allem unsere Illusion davon.
Und dann gibt es eine offenere, weniger zielgerichtete Form von Aufmerksamkeit. Eine Aufmerksamkeit, die nicht sofort auswählt, bewertet und sortiert, sondern den Raum wahrnimmt. Insbesondere das, was an den Rändern passiert. In der Zukunftsforschung spricht man auch von “schwachen Signalen”. Die Signale, die noch nicht laut genug sind, um ins Dashboard zu wandern.
Genau dort wird es spannend.
Weitwinkelaufmerksamkeit
In einer aktuellen Hotel-Matze-Folge von Matze Hielscher mit Hartmut Rosa taucht ein Wort auf, das ich seitdem nicht mehr aus dem Kopf bekomme: Weitwinkelaufmerksamkeit.[3]
Schon das Wort ist großartig. Es klingt nicht nach Tool, Methode oder Framework. Es klingt nach einem Objektiv der unbegrenzten Möglichkeiten. Ich habe überhaupt keine Ahnung von Fotografie - aber ein Weitwinkel sollte meiner Meinung nach das sein, was den ganzen Raum bestmöglich einfängt und eben nicht nur den Fokus auf einen Punkt richtet.
Weitwinkelaufmerksamkeit ist keine Ablenkung und auch nicht das Gegenteil von Konzentration. Vielleicht eher die Fähigkeit, den Blick so weit zu stellen, dass der Kontext sichtbar bleibt.
Als Beraterin kann ich nicht anders und muss Dinge in ein Modell bringen. Daher hier mein Versuch, die Begriffe zu ordnen. Ich denke nicht, dass eine Art besser ist als die andere. Sie haben alle ihre Daseinsberechtigung. Nur fehlt uns - insbesondere in der Wirtschaft - vielleicht der Mut, den Weitwinkel auch mal aufzumachen.
Viele Veränderungen beginnen am Rand. Wenn wir bereits mitten im Auge des “perfect storms” sind, ist es zu spät, die Richtung zu wechseln. Aber wer die leisen Winde am Rand wahrnimmt, kann was draus machen. Wer sind traut, Diskussionen in Communities Gehör zu schenken, Trendscouts nicht auszulachen oder “seltsames” Kundenfeedback mit ins Meeting zu nehmen, weitet die eigene Aufmerksamkeit.
Unternehmen brauchen Fokus, um Dinge umzusetzen. Aber sie brauchen Weitwinkel, um früher zu erkennen, welche Dinge Bedeutung bekommen könnten.
Hartmut Rosa spricht im Podcast von den Menschen, die sich Stöpsel in die Ohren hauen und ihre Mütze bis in die Stirn ziehen. Wer so durch die Welt läuft, kann sicher sein, nichts mitzubekommen. Das kann sehr angenehm sein. Ich genieße es regelmäßig mit einem Podcast im Ohr und einer Sonnenbrille auf der Nase meine Wahrnehmung in den Tunnelblick zu schalten und durch den Park zu laufen. Allerdings darf mich dabei a) kein Fahrrad unerwartet überholen und ich b) nicht auf Erleuchtung hoffen. Wenn ich dermaßen verschlossen durch die Welt laufe, werde ich die Welt um mich herum ganz sicher nicht wahrnehmen.
Seit dieser Podcast-Folge traue ich mich tatsächlich öfter mal den Weitwinkel zu nutzen. Hatte ich deshalb schon bahnbrechende Erkenntnisse? Eher nicht. Werde ich über die Zeit Dinge sehen, die sonst Wenige wahrnehmen? Ganz sicher.
Also: Auf die Weitwinkelaufmerksamkeit!
Schreibt mir gerne mal, ob ihr den Unterschied kennt und erkennt.
Eine frühere Fassung dieses Textes erschien im Newsletter „Zwischen Wirtschaft & Wunder“ .