← Zur Gedankenübersicht

Neue Spielregeln

Ich habe Wirtschaft lange ernst genommen, jetzt nehme ich Wunder ernst

Warum das weniger romantisch ist, als es klingt, und ziemlich strategisch sein kann.

Text 5 Min. Lesezeit

Im Hintergrund läuft gerade Wincent Weiss: „Es wäre schön blöd, nicht an Wunder zu glauben.“ Und ich glaube, genau das war die erste Intuition, die mich zu diesem (ungewöhnlichen) Kanal-Namen gebracht hat. Der Wunsch, dass wir alle wieder mehr an (Wirtschafts-)Wunder glauben. Dass wir es schaffen, aus unserer Opferrolle zu springen, hinein in eine Welt, die wir selbst gestalten können. Dieses Land kann soviel mehr, als nur in der Rückschau zu leben (und zu jammern).

Diese Zeit bietet nicht nur Kriege, Krisen und KI, sondern auch Mut, Möglichkeiten und Momentum.

Natürlich sind Wunder ein gefährliches Terrain. Wer in der Wirtschaft zu früh das Wort “Wunder” benutzt, riskiert schnell diesen ganz bestimmten Blick. Den Blick, der sagt: “Ah. Sie hat jetzt also ihre kreative Phase.” Oder dieses leichte Augenrollen, das fragt, wann ich denn eigentlich im Leben falsch abgebogen bin.

Und ich verstehe das sogar.

Ich bin ja selbst Teil dieser Welt, in der Wunder selten auf der Agenda stehen. Da geht’s um Marktanalysen, Kundenstrategien, Zielbilder, Operating Models, CRM-Roadmaps, Umsatzpotenziale und manchmal, wenn es richtig wild wird, darum einen „North Star“ zu finden. Nordstern klingt irgendwie noch strategisch - immerhin hat es eine Richtung inne.

Wunder klingt verstrahlt. Nach Glitzer, Zufall und vor allem Kontrollverlust. Wenn einem nichts mehr einfällt, dann kann man immer noch an Wunder glauben. Nicht gerade das, was man in einem Start-Up Pitch oder Lenkungsausschuss erzählen würde.

Wunder passen in keine Schublade

Das Wort Wunder ist älter als unsere moderne Vorstellung davon. Bevor es zum großen religiösen oder übernatürlichen Ereignis wurde, steckt darin vor allem eine Haltung: sich wundern. Staunen. Irritiert sein. Bemerken, dass etwas nicht in die gewohnte Ordnung passt.

Wunder heißt nicht, dass plötzlich ein Einhorn durchs Strategiemeeting läuft oder alle erleuchtet nach ihrem Matcha-Latte wissen, wie sie die verlorenen Kunden wieder zurückgewinnen. Wunder sind für mich Formen des neuen Denkens. Der Moment, in dem wir uns (kurz) erlauben, vom Erwarteten abzuweichen. Wunder ist kein Gegenbegriff zur Vernunft. Es ist ein Zwischenraum. Ein kurzer Riss im Gewohnten.

Für die Wirtschaft ist das gar nicht so romantisch, wie es klingt. Wer sich nicht mehr wundert, sieht nur noch, was schon ins System passt. Wer sich wundern kann, erkennt früher, dass sich etwas verschiebt. Wenn wir uns wundern dürfen, dann erkennen wir vielleicht Muster, die in keine unserer alten Schubladen passen. Ich schlage dazu jetzt einfach mal das passende Verb vor: sich wirtschaftswundern.

Und für alle, die jetzt direkt zurück zur Financial Times oder zum Handelsblatt wechseln wollen, weil ihnen das hier zu esoterisch wird: keine Angst. Ich möchte weder Zahlen ignorieren, noch Pläne verbannen. Ich arbeite seit fast 20 Jahren in großen Unternehmen und habe Respekt vor guten Analysen. Ich liebe es, wenn ein Gedanke sauber wird. Wenn man aus Daten ein Muster erkennt. Wenn wir nicht alles anekdotisch anhand einer Beobachtung des Geschäftsführers vom letzten Wochenende herleiten müssen, sondern jemand sich mal die Mühe gemacht hat, alle Kundendaten der letzten Monate auszuwerten und zu verdichten. Der einzige Haken an der Sache: unsere Datenanalysen versuchen anhand der Vergangenheit, die Zukunft zu extrapolieren. Wir optimieren Prozesse, um weniger Reibung zu haben. Wir messen alles, was sich messen lässt, damit wir nicht zu viel über das sprechen müssen, was sich schwerer greifen lässt. Ich glaube, dass vieles, was heute als strategisch gilt, eigentlich der Versuch ist, Unsicherheit möglichst elegant zu verwalten. Wir bauen Modelle, um weniger überrascht zu werden.

Seit wann sind Überraschungen eigentlich was Schlimmes?

Überraschungen sind in der Wirtschaft nicht automatisch Störungen. Manchmal sind sie die ersten Hinweise darauf, dass sich etwas bewegt. Strategie bedeutet ja auch nicht, nie überrascht zu werden. Strategie bedeutet, so aufmerksam zu bleiben, dass man aus Überraschungen lernen kann. Viele Unternehmen behandeln Überraschungen wie Fehler im System. Da wird schnell versucht, den Status Quo wieder herzustellen. Man könnte Überraschungen auch als Signal aus einer Zukunft, die gerade anklopft, interpretieren. Klingt gleich viel positiver.

Und wer hofft, sich durch das Vermeiden von Überraschungen vor allen Risiken schützen zu können, dem würde ich gerne einmal den Gedanken mitgeben, dass er sich vor allem auch vor neuen Möglichkeiten schützt.

In einer Wirtschaft, die alles messen, planen und absichern möchte, kann Staunen fast subversiv wirken. Aber genau deshalb ist es so wertvoll. Überraschungen (oder Wunder) sind dieser Moment, in dem etwas auftaucht, das nicht ins Raster passt und trotzdem Sinn ergibt.

Wer sich nicht mehr wundert, optimiert nur noch das Bekannte.

An Wunder zu glauben heißt nicht, naiv zu sein. Es heißt, der Welt zuzutrauen, dass sie mehr Möglichkeiten enthält, als unsere Modelle gerade abbilden. Ich spreche ja gerne von Mutausbrüchen. Einer, den wir alle mal versuchen können, wäre: nicht alles sofort erklären zu müssen, sondern einen Moment lang offen zu bleiben.

Wirtschaft braucht nicht weniger Analyse. Aber sie braucht wieder mehr Menschen, die sich von guten Überraschungen nicht irritieren lassen, sondern inspirieren. Denn manchmal ist das Wunder keine große Ausnahme. Manchmal ist es nur ein neuer Zusammenhang, den wir vorher noch nicht sehen konnten.

Wunder sind der Moment, in dem man etwas spürt und noch nicht ganz weiß, wie man es nennen soll. Der Moment bevor wir eine Marktforschung anstoßen oder ein Framework darum bauen. Ich glaube, wir brauchen mehr Aufmerksamkeit für diese Momente.

Weil die nächsten großen Veränderungen wahrscheinlich nicht nur aus noch besseren Dashboards kommen. Sie kommen auch aus anderen Blickwinkeln. Aus Kultur. Aus Kreativität. Aus Community. Aus Menschen, die sich nicht damit zufriedengeben, dass ein System funktioniert, wenn es sich gleichzeitig leer anfühlt.

Ich freue mich auf die Verbindung zwischen der klaren, strukturierten, analytischen Welt der Wirtschaft und der offenen, kreativen, und manchmal seltsam funkelnde Welt der Wunder.

Ich glaube, die spannenden Dinge entstehen gerade dazwischen. Zwischen dem, was wir beweisen können und dem, was wir trotzdem ernst nehmen sollten.

Denn ganz ehrlich: Es wäre schön blöd, nicht an Wunder zu glauben.

Eine frühere Fassung dieses Textes erschien im Newsletter „Zwischen Wirtschaft & Wunder“ .

Noch einen Gedanken ziehen