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Neue Spielregeln

Warum kleine Experimente heute klüger sind als der große Masterplan

Über Neugier, Umwege und die befreiende Idee, dass wir unser Leben nicht vollständig planen müssen, bevor wir anfangen.

Geschichte 5 Min. Lesezeit

Das große beruhigende Wort „Plan“

Ich arbeite seit fast zwanzig Jahren in der Strategieberatung und liebe Pläne - insbesondere Masterpläne. Ein Masterplan klingt vernünftig. Er riecht nach frisch gedrucktem Strategiedeck, sauberer Excel-Logik und einem Kalender, in dem die Zukunft schon brav in Quartale einsortiert wurde. Er gibt uns das Gefühl, dass wir nur lange genug nachdenken müssen, bis das Leben sich kooperativ verhält.

Pläne vermitteln mir gerne das Gefühl, als hätte ich die Zukunft im Griff.

Pläne reduzieren Unsicherheit. Sie geben Orientierung. Sie helfen, aus vagen Wünschen konkrete Schritte zu machen. Sobald ich die ersten zehn Schritt in eins meiner zahlreichen Notizbücher geschrieben habe, geht es mir direkt besser. Ich habe einen Plan! Was soll jetzt schon noch passieren? (Ok. Ironie Ende)

Das Problem mit Pläne ist natürlich, dass sie voraussetzen, dass wir jetzt schon wüssten, was wir später wissen werden. Der Masterplan tut so, als sei die Zukunft ein Puzzle mit fehlenden Teilen. In Wahrheit kennen wir aber oft weder das Motiv noch die Anzahl der fehlenden Teile. Und schon gar nicht können wir wissen, ob und in welcher Reihenfolge sie auftauchen werden.

Natürlich macht es weiter Sinn, Pläne zu erstellen, weil sie helfen, dass wir uns nicht total verzetteln. Aber ich erkenne immer häufiger an, dass Pläne eher Wünsche mit einem Zeitstempel sind.

Kleine Experimente statt großer Masterpläne

Manchmal kommen Bücher einfach so in mein Leben. Zum Beispiel, wenn die Bahn mal wieder 50 Minuten Verspätung hat, ich eigentlich tot müde bin und mich trotzdem statt mit dem Handy zu beschäftigen, in den Bahnhofsbuchhandlung schleppe. Irgendwie klar, dass ich in diesem Zustand, nicht auf der Suche nach existenzialistischer Philosophie bin, sondern eher ein leichtes Buch für die Fahrt suche. Und da lag es dann: Tiny Experiments strahlte mich mit vielen bunten Punkten und ein paar Zitaten von amerikanischen Beststeller-Autoren an.

So unverhofft wie dieses Buch in mein Leben kam, so nachhaltig hat es meine Sicht über große Pläne und Ziele verändert. Die Autorin Anne-Laure Le Cunff stellt nicht einfach Ziele infrage, sondern die starre Logik dahinter. Das Buch schlägt vor, lineare Erfolgsmodelle durch eine zirkuläre Wachstumslogik zu ersetzen: ausprobieren, beobachten, lernen, anpassen. Dabei sind die kleinen Experimente, von denen sie spricht, keine Mini-Ziele, sondern eher Erkenntnisinstrumente.

In einer Welt, in der wir sowieso nicht mehr wissen, was morgen kommen wird, können wir auch gleich auf die riesige Planwirtschaft verzichten und uns stattdessen von kleinen Schritten in die richtige Richtung leiten lassen. Denn diese Experimente geben uns das, was ein Plan nicht kann: Resonanz.

Passt mein Schreibstil zur Zielgruppe?

Wie lange brauche ich für die Umsetzung eines Prototypens?

Will ich das Café immer noch eröffnen, wenn ich erstmal drei Tage hintereinander jeweils 250 Cappuccini gemacht habe?

Wenn ich nicht anfange, werde ich nie erfahren, was mir Energie gibt und was nicht. Wo Resonanz entsteht und was vielleicht auch nur in meinem Kopf nach einer tollen Idee klang.

Sie plädiert dafür, die kleinen Experimente so zu gestalten, dass man einen Erkenntnisgewinn hat, der dann auf die Reise zum nächsten Experiment führt.

Interessanterweise kenne ich das Konzept aus der Wirtschaft schon sehr lange. In Innovationskontexten ist Experimentieren längst etabliert. Die Lean-Startup-Logik arbeitet mit dem Build-Measure-Learn-Kreislauf: erst ein Minimum Viable Product (MVP) entwickeln, dann messen, lernen und weiter anpassen. Warum bin ich eigentlich nie auf die Idee gekommen, es konsequent auf mein Leben zu adaptieren?

In Unternehmen nennen wir das Innovation.
Im eigenen Leben nennen wir es oft Unsicherheit.

Jeder im Produktmanagement oder in der Markenführung weiß, dass man Ideen iteriert, vertestet, Feedback einarbeitet und dann weiterentwickelt. Aber im Privatleben suchen wir noch immer nach dem großen Masterplan. Vielleicht auch, weil der Masterplan jahrelang sehr elegant in einer Schublade liegen kann. Ein Experiment ist unangenehmer. Es antwortet.

Kleine Experimente statt großer Selbstoptimierung

Das Schöne an kleinen Experimenten ist: Sie klingen weniger dramatisch als die üblichen Selbstoptimierungsprogramme.

Nicht: „Verändere dein Leben in 90 Tagen.“
Sondern: „Teste zwei Wochen, ob dieser Rhythmus dir hilft.“
Nicht: „Finde deine wahre Berufung.“
Sondern: „Schau, welche Tätigkeit dich nach einer Stunde wacher macht als vorher.“
Nicht: „Baue dein neues Ich.“
Sondern: „Mach einen kleinen Versuch mit deinem alten Ich und beobachte, was passiert.“

Ein gutes Experiment ist klein genug, um es wirklich zu tun, aber klar genug, um daraus etwas zu lernen.

Mein erstes Experiment nach dem Lesen des Buchs war die Erstellung einer Webseite mit Blog. Einfach so, weil ich mal sehen wollte, wohin mich das Ganze führt. Ich habe mir einen Lovable-Account eingerichtet und losgelegt. Um nicht in meinen üblichen Perfektionismus-Wahn zu verfallen, bin ich bewusst bei der kostenfreien Version geblieben. Dies zwingt mich, jeden Tag nur eine kleine Veränderung vorzunehmen, weil die Tokens recht bald aufgebracht sind. Aber so schlafe ich drüber und überlege mir, welchen kleinen Schritt ich morgen gehen könnte.

Gleiches gilt für viele meiner eigenen Projekte: Idee, machen, Feedback einholen, anpassen und herausfinden, was daraus werden kann. Nicht jede Idee braucht vor dem Start bereits einen endgültigen Namen und einen vollständigen Plan. Oft lerne ich auf dem Weg mehr, als mir der beste Masterplan vorher hätte sagen können.

Kleine Experimente sind nicht das Gegenteil von Strategie. Sie sind Strategie unter Unsicherheit.

Der Masterplan fragt: Wie komme ich sicher ans Ziel?
Das Experiment fragt: Was lerne ich, wenn ich losgehe?

Experimentieren heißt meiner Meinung nach nicht, planlos zu leben. Es heißt, die Wirklichkeit früher in die Planung einzubeziehen. Nicht jeder Lebensentwurf muss mit einem großen Plan beginnen. Manchmal reicht ein Versuch, der klein genug ist, um anzufangen.

Der große Plan will die Zukunft festhalten. Das kleine Experiment reicht ihr die Hand.

Welche kleine Idee könntest du ausprobieren, ohne vorher schon wissen zu müssen, was daraus wird?

Eine frühere Fassung dieses Textes erschien im Newsletter „Zwischen Wirtschaft & Wunder“ .

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