(Kunden-)Beziehungen, die bleiben
Statt Visitenkarten
Die spannendsten Gespräche beginnen selten mit Jobtitel und LinkedIn-QR-Code
Wenn ich zu Veranstaltungen gehe, habe ich kaum noch Visitenkarten dabei. Ein paar fliegen immer noch in meiner Tasche rum (und genauso sehen sie auch aus ;)), aber ich nutze sie praktisch nicht mehr. Ich finde das schade, weil ich Visitenkarten eigentlich mag. Naja, nicht alle. Die uninspirierten, klassischen Business Cards eher nicht. Aber es gibt auch sehr schöne Modelle: schweres Papier, vielleicht mit einer schönen Prägung oder einer mutigen Farbe. Wenn ich merke, da hat jemand nachgedacht, fällt es mir doppelt schwer, das Ding nach der Digitalisierung der Kontaktdaten wegzuschmeißen.
Und meistens braucht man sie auch einfach nicht. Wenn mich jemand nach meinen Kontaktdaten fragt, zücke ich das Handy, öffne LinkedIn und einer scannt den QR-Code des anderen. Schwupps, sind wir vernetzt.
Wir sind vernetzt, aber nicht verbunden.
Der LinkedIn-Code ist praktisch. Keine Frage. Er funktioniert. Er speichert den Kontakt. Er ersetzt das umständliche Suchen nach Namen, die man nach drei Minuten schon nicht mehr richtig schreiben kann. Er sorgt dafür, dass man einander wiederfindet. Ich habe mittlerweile sehr viele LinkedIn-Kontakte und finde das super praktisch.
Aber um ehrlich zu sein, weiß ich nichts über diese Person. Ich sehe ein Profilbild. Eine Position. Einen beruflichen Verlauf. Ein paar Stationen. Manchmal ein paar Beiträge. Oft auch nicht. Ich weiß, wer wo arbeitet. Aber über den Menschen dahinter weiß ich herzlich wenig.
Gute Gespräche entstehen selten aus Jobtiteln
Die Gespräche werden dann tiefer, wenn wir bessere Fragen stellen. Sätze wie: „Darüber denke ich gerade viel nach.“ Oder: „Ich glaube, dieses Thema unterschätzen wir komplett.“ Oder: „Dazu habe ich noch keine fertige Meinung, aber ich merke, dass es mich beschäftigt.“ Am Ende ist mir doch egal, wie viele Jahre jemand bei McKinsey war, wenn er oder sie eine spannende Perspektive ins Gespräch bringt.
Deshalb versuche ich seit Kurzem etwas Neues: Zines.
Zines, kurz für Fanzines, sind kleine, meist selbstgemachte Publikationen. Das erste Mal sind sie mir auf der re:publica begegnet. Die kleinen Heftchen sind oft einfach kopiert, gefaltet, getackert. Nicht glatt. Nicht perfekt. Sie kommen aus einer Kultur, die nie darauf gewartet hat, bis jemand eine Druckfreigabe erteilt. Science-Fiction-Fans nutzten frühe Fanzines, später wurden sie besonders in Punk-, Kunst- und Aktivismuskontexten wichtig. Menschen machten ihre eigenen Hefte, weil sie etwas zu sagen hatten. Weil sie nicht in bestehende Formate passten. Weil sie sich ihren eigenen Raum bauten.
Ein Zine ist kein Hochglanzprospekt. Es ist eher ein kleines Stück Haltung auf Papier.
Zines haben etwas Rebellisches, ohne laut sein zu müssen. Sie unterlaufen die üblichen Spielregeln. Sie fragen nicht: Wie präsentiere ich mich möglichst professionell? Sie fragen eher: Was will ich sichtbar machen, das sonst unsichtbar bleibt? Und das ist für den Business-Kontext genauso spannend wie für Messen und andere Veranstaltungen.
Ein Zine kann den Blick drehen und erlaubt, mal ein paar Minuten über den eigenen Tellerrand zu schauen.
- Welche Frage nimmst du gerade mit in fast jedes Gespräch?
- Welches Zukunftsthema verdient mehr Aufmerksamkeit?
- Worüber könntest du sofort 30 Minuten sprechen?
- Was hat deine Sicht auf Arbeit, Wirtschaft oder Gesellschaft zuletzt verändert?
- Welche Idee ist noch nicht fertig, aber lässt dich nicht los?
- Wo findet man dich, wenn man weiterdenken möchte?
Ich finde, dass die Antworten die Qualität eines Kontakts sofort verändern. Auf einmal erkennt man gemeinsam Muster und hat vielleicht ehrlich Lust, sich mit der Person auch nach der Veranstaltung über ein Thema weiterauszutauschen.
Deshalb habe ich ein kleines Zine-Template gebaut. Eine Art Vorstellungsheftchen. Nicht als Ersatz für LinkedIn. LinkedIn darf bleiben. (Ich nutze es auch täglich). Ich setze die Zines eher zusätzlich ein, wenn ich auf einer Veranstaltung spannenden Menschen begegne.
Im Grunde funktioniert das Template in zwei Richtungen:
- Du füllst es aus, kopierst es und verteilst es auf Veranstaltungen an Menschen, mit denen du dich verbinden möchtest
- Du kopierst es als leeres Template und verteilst es z.B. vor einem Event, lässt es ausfüllen, sammelst alle wieder ein, scannst sie ein und verteilst die gesammelten Werke als pdf
Das Template ist bewusst nicht als Mini-Lebenslauf gedacht. Es soll nicht beweisen, wie kompetent du bist. Es soll Gesprächsflächen öffnen. Und ja: die echten Zines sind deutlich künstlerischer, werden gefaltet und in Kleinstauflagen gedruckt. Kannst du alles machen. Ich habe jetzt mal die pragmatische Business-Variante gewählt.
Probiere es gerne mal aus und teile deine Erfahrungen damit. Ich bin gespannt.
Der QR-Code speichert den Menschen in einer Liste. Ein Zine kann eine Frage in den Raum legen.
Eine frühere Fassung dieses Textes erschien im Newsletter „Zwischen Wirtschaft & Wunder“ .